Das Geld neu (plastisch) denken

Die arbeitsteilige Wirtschaft ist eine wunderbare Erfindung der Neuzeit. Die Menschen kommen zusammen, um miteinander Dinge zu erarbeiten, die ein Einzelner alleine nie hervorbringen könnte. Jede*r bringt seine/ihre Fähigkeiten in die gemeinsame Arbeit ein.

Auch die Unternehmen arbeiten auf vielfältige Weise zusammen. Die einen liefern z.B. Rohstoffe und Vorprodukte, die anderen Energie, Bildung, Infrastruktur ... Aus der Initiative und gemeinsamen Arbeit sehr vieler Menschen und Unternehmen entstehen die Waren und Dienstleistungen.

Doch der herrschende Geldbegriff ist veraltet. Er stammt noch aus den Zeiten der Tauschwirtschaft und nötigt die Menschen und Unternehmen dazu, für sich selbst zu arbeiten, für ihren Lohn und für den Profit. Die Menschen müssen sich in der Arbeit verkaufen, die Natur wird misshandelt und ausgebeutet.

Deswegen ist es jetzt an der Zeit, das Geld neu zu denken, neu zu erforschen. Wir müssen untersuchen, welche Funktionen es in der arbeitsteiligen Wirtschaft übernimmt:

Vor der Arbeit

Bevor die Arbeit überhaupt beginnt, gibt es die unternehmerische Initiative. Menschen wollen miteinander etwas erarbeiten, ein bestimmtes Ergebnis hervorbringen, einen bestimmten Bedarf befriedigen. Hierfür brauchen sie Geld. Um überhaupt erst mit der Arbeit beginnen zu können. Das Geld ist an dieser Stelle ein Kredit: die Unternehmung verpflichtet sich, mit der Arbeit zu beginnen und ihre Fähigkeiten dafür einzusetzen. Und von Seiten des Kreditgebers ist der Kredit ein Ausdruck des Vertrauens: „Wir trauen es Euch zu, das was ihr Euch vornehmt, einzuhalten“ (Credit heißt auf Lateinisch Vertrauen).

An dieser Stelle ist es wichtig, dass der Kredit, also das Versprechen, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, aus einem möglichst großen Überblick, aus einer freien Einsicht in die Zusammenhänge entsteht. Ständige Beratungen des Unternehmens mit seinem Umfeld sind dafür sinnvoll. Auch die kreditgebende Bank muss mitbedenken, mitberaten, helfen zu klären, wie der Bedarf am besten befriedigt werden kann. Eine solche Bank gibt es noch nicht, wir müssen sie erst noch hervorbringen, als ein Organ unserer Demokratie.

Während der Arbeit:

Der Kredit, den das Unternehmen regelmäßig erhält, wird sogleich an die Mitarbeiter*innen ausgezahlt, verwandelt sich also in Einkommen. Mit ihm sind sie als Konsumenten berechtigt, die Waren und Dienstleistungen zu erwerben, die sie für ihren persönlichen Bedarf brauchen. Sie müssen sich also z.B. nicht selber die Nahrungsmittel anbauen, um essen zu können. Sie müssen sich nicht um sich selber kümmern, sie können all das erwerben, was sie brauchen und sind somit freigestellt, ihre individuellen Fähigkeiten in die gemeinsame Arbeit einzubringen.

An dieser Stelle ist es stimmig, das Einkommen als ein neues demokratisches Grundrecht zu gestalten. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, und seine Würde als Mensch besteht gerade darin, diese Fähigkeiten entwickeln und einsetzen zu können, sich Ziele und Aufgaben zu setzen und an ihrer Erfüllung zu arbeiten. Wenn wir als Rechtsgemeinschaft ein Grundrecht auf Einkommen gestalten, stellen wir uns dafür frei. Dadurch muss sich der einzelne Mensch nicht um sich selber kümmern, er/sie kann sich vielmehr ganz der Arbeit widmen und aus Liebe zur Sache seine/ihre Fähigkeiten einsetzen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die stimmige Basis einer solchen demokratischen Einkommensordnung.

Nach der Arbeit:

Durch die Arbeit entstehen die Produkte, die Waren und Dienstleistungen. Werden diese verkauft, so fließt das Geld, das als Einkommen bei den Konsumenten war, wieder zurück zu den Unternehmen. Diese Einnahmen der Unternehmen sind Geld im Rückfluß. Doch nicht alle Unternehmen erzielen entsprechende Einnahmen. Manche können es nicht: all die Unternehmen, die sich um die Natur und ihre Pflege kümmern, die Reinigung der Meere … Manche sollen es nicht: all die Unternehmen, von denen die Gesellschaft will, dass sie ihre Dienste kostenlos zur Verfügung stellen: die Kitas, die Schulen, die Krankenhäuser ... Dadurch entsteht die Notwendigkeit des Ausgleichs: finanzielle Mehreinnahmen der einen Unternehmen müssen mit Mindereinnahmen der anderen Unternehmen ausgeglichen werden. Heute geschieht dies z.B. durch die Steuern oder Stiftungen.

An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir uns klar machen: das Geld im Rückfluß ist verbrauchtes Geld. Es hat seine Aufgabe erfüllt, es hat die Produktion in Gang gebracht und es hat den einzelnen Menschen ermöglicht, ihren Bedarf zu befriedigen. Dass dies möglich wurde, dafür haben alle Unternehmen mitgearbeitet. Alle wurden dafür kreditiert, und jetzt müssen alle ihren Kredit wieder zurückzahlen. Es ist also klar: nicht die einzelnen Unternehmen allein sind dafür verantwortlich, ihren Kredit wieder zurückzuzahlen, sondern die Unternehmen gemeinsam. Bei manchen Unternehmen entstehen Überschüsse, bei den anderen Unterschüsse. Der Ausgleich findet aus der Natur der Sache solidarisch statt, so dass alle Unternehmen ihren Kredit regelmäßig wieder ablösen können. Der "Profit" als Unternehmensziel entfällt (das Missverständnis, dass Unternehmen Geld verdienen müssen).

Wenn wir auf diese Weise das Geld untersuchen, bemerken wir, dass es nicht mehr wie früher ein Wirtschaftswert ist.

Im arbeitsteiligen Miteinander und Füreinander ist das Geld eine Qualität des Rechts. Es besteht aus den Vereinbarungen, die wir im Hinblick auf den wirtschaftlichen Vorgang treffen: die Verpflichtung zum Einsatz der Fähigkeiten (= Kredit), die Berechtigung zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen (= Einkommen) und die solidarischen Absprachen hinsichtlich des Ausgleichs von Überschuss und Unterschuss.

Und für das Recht ist die Demokratie zuständig. Als demokratischer Souverän können wir es gestalten.

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