Das Geld demokratisierenÜber die Schwelle der Ökonomie und wieder zurück
Johannes Stüttgen, 1998
Der Erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys (1921 - 1986) ist seinem Wesen nach ein Aktionsbegriff, der sich in zwei Richtungen entfaltet; es geht um das Gewahrwerden des Ursprungs der Aktion (1) und das Aufgehen ihres Ziels (2). Ursprung und Ziel ist der Mensch, seine schöpferische Freiheitsnatur, das Ich, und die daraus hervorgebrachte Gesamtfigur, die Soziale Skulptur.
 Ursprung und Ziel sind in diesem Aktionsbegriff integriert, sie sind nicht auseinanderzudenken und bilden ein Wärmefeld. Die Bestimmung des Menschen in diesem Wärmefeld liegt vor Raum und Zeit, bezieht sich aber - Leben zwischen Geburt und Tod - auf die Gestaltung der raum-zeitlichen Verhältnisse auf der Erde, d.h. auf die Inkarnation dieses Wärmewesens, welches das Freiheitswesen ist. Der Mensch ist in ihm Gestalter und Gestaltungsgegenstand zugleich - Künstler und Kunstwerk.
Die Realisierung des Freiheitswesens zeichnet sich in drei Hauptaktionsstufen ab. Die erste bezieht sich auf die unmittelbare Freiheitsnatur des Ich, d.h. auf die Individualität jedes Menschen als schöpferisches Wesen und Träger von Fähigkeiten; sie ist das bewußte Ergreifen des Selbstbestimmungsprinzips (Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler.“). Die zweite betrifft den Menschen als Gesellschaftswesen, d.h. seine Verbindung mit allen Menschen auf der Grundlage der Gleichberechtigung; sie ist das bewußte Ergreifen des Demokratieprinzips im Sinne einer von jedem Ich in Gemeinsamkeit hervorzubringenden Menschheitsform. Die dritte Stufe bezieht sich auf den Menschen als Naturwesen, d.h. auf seine im Wechselbezug von Bedarf und (arbeitsteiliger) Produktion begründete Einbindung in den globalen Zusammenhang aller Lebewesen auf der Erde; sie ist das bewußte Ergreifen des Ökologieprinzips als höchster, das Ganze umfassender Freiheitsgestalt. Diese drei Aktionsstufen, die jeweils eine höhere Freiheitsqualität bezeichnen, wobei aber die Realisierung der jeweils höheren Stufe die Bedingung, ja die Begründung der ihr vorausgehenden darstellt (= "Zeitumstülpung“), entspricht den drei Feldern der von Rudolf Steiner (1861-1925) ermittelten "Dreigliederung des sozialen Organismus“:
Der Erweiterte Kunstbegriff ist ein Schwellenbegriff. Er markiert das Ende der Moderne und ihrer Ideologie von der Kunst als Spezialfeld individualistischer Ausdrucksform. Als universaler Gestaltungsbegriff bezieht er sich auf jeden Menschen und alle Lebens- und Arbeitsbereiche in der Gesellschaft. Dabei stellt sich die Realisierung einer wirklichen Demokratie als die vordringliche Gestaltungsaufgabe der Gegenwart heraus. Aus ihr allein können die Rechtsformen der Selbstverwaltung entstehen, welche die Unternehmen, seien es die im arbeitsteiligen Produktionsbereich der Wirtschaft, seien es die im Bereich der Basisproduktion des wahren Kapitals (= menschliche Fähigkeit = Kunst), so die Schulen und Hochschulen, benötigen. Grundbedingung ihrer Befreiung aus der kapitalistischen und staatlichen Umklammerung (= Befreiung der Arbeit) und der Verwirklichung eines ökologischen Wirtschaftskreislaufes ist die Demokratisierung des Geldwesens (demokratische Kredit- und Einkommensordnung u.a.). Geld ist nicht Kapital, nicht Wirtschaftswert, sondern Rechtsregulator der Wirtschaftswerte. Es muß also aus der Wirtschaftssphäre heraus und in die demokratische Rechtssphäre hineingegliedert werden.
 Die drei Felder des sozialen Organismus sind Freiheitsfelder erst dann, wenn der Mensch als Freiheitswesen (= Künstler) aus dem Individualfeld 1 über die Schwelle in das mittlere Feld 2 (Rechtsfeld) hineintritt und von hier aus das Geld aus dem Ökonomiefeld 3 über die Schwelle in dieses mittlere Feld 2 hereinholt. Diese Aufgabenstellung enthält u.a. einen Hinweis auf die zukünftige Identität der Bank.
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