Die Idee der Sozialen Skulptur

Johannes Stüttgen, 1984 (1)

 

Die Grundzüge der Idee

 

Der Quellpunkt der FREIEN INTERNATIONALEN UNIVERSITÄT ist der von Joseph Beuys entwickelte, erweiterte Kunstbegriff - ein Kunstbegriff also, der die Grenzen der traditionell als "Kunst“ bezeichneten Disziplinen (Architektur, Bildhauerei, Malerei, Dichtung, Musik, Schauspiel, Oper, Tanz usw.) überschreitet und sich als universaler Gestaltungsbegriff auf die radikale Neugestaltung aller Lebens- und Arbeitsfelder der Menschen bezieht. Kunst wird in diesem Sinne begriffen als Kreativität des Menschen schlechthin - als die Schöpferkraft, die in der Freiheit und Selbstbestimmung der menschlichen Individualität wesensmäßig gründet. Das beinhaltet auch der bekannte Satz von Joseph Beuys: "JEDER MENSCH IST EIN KÜNSTLER“ und bezeichnet den Transformationspunkt der Moderne.

 

Der erweiterte Kunstbegriff verschafft einen Einblick in das Wesen der Plastik als allen Prozessen innewohnendes Gestaltungsprinzip und ist die zentrale Wesensbestimmung des Menschen. Er umfaßt den Begriff der Gestaltung in seiner ganzen Spanne, ausgehend vom Ursprung der Gestaltung, der Fähigkeit (Produktivkraft), über ihren Einsatz in der Arbeit (Produktion) bis hin zu ihrem Ergebnis (die Produkte - im einzelnen und in ihrem Zusammenhang im Ganzen). Beides, die Gestaltungspotenz als der Ursprungspol, eingebracht in die Arbeit, sowie das durch die Arbeit Hervorgebrachte als der Endpol, charakterisiert das Vermögen des Menschen - und damit das Kapital im eigentlichen Sinne. Joseph Beuys hat diesen Tatbestand in der Grundformel: "KUNST = KAPITAL“ zum Ausdruck gebracht. Unmittelbar wird einsichtig, daß dieser neue wesensgemäße Kapitalbegriff eine völlige Neuorientierung des gesamten Arbeitsfeldes der Menschheit gebietet, jenes Bereichs also, wo die Arbeit aller als Kooperation großen Stils stattfindet, nämlich des Unternehmens- bzw. Produktionsbereichs der arbeitsteiligen Weltwirtschaft. Tatsächlich begründet der wesensgemäße Kapitalbegriff, aus das Wirtschaftswesen bezogen, die 2 Wirtschaftswerte:

 

Kapital = Fähigkeiten (Wirtschaftswert 1)

Kapital = Erzeugnisse (Wirtschaftswert 2)

 

die im Produktionsbereich durch die gemeinsame Arbeit aller in der arbeitsteiligen Kooperative und im schöpferischen Eingriff in die Naturgrundlage (Transformation der Ressourcen mithilfe der Produktionsmittel) miteinander verbunden werden. (2)

 

Diese Sicht der Sache hat Konsequenzen für die Gestalt des Sozialen Organismus im Ganzen. Zu ermitteln ist eine Rechtsform, die diesem Kapitalbegriff (und damit der Natur des Menschen, sowie seiner gesamten Einflußsphäre im ökologischen Zusammenhang) voll entspricht, also einen Kreislauf von Aufbau- und Abbauprozessen (Produktion-Konsumtion) ermöglicht, in dem beide Wirtschaftswerte zu einer optimalen Entfaltung kommen können. Eine solche Rechtsform hätte also im Hinblick auf den Menschen als freiem, schöpferischem Wesen das Zentralprinzip des Kapitalbegriffs, die Selbstbestimmung des Menschen (und zwar aller Menschen!), uneingeschränkt zu berücksichtigen - hätte also zu garantieren:

1. den selbstbestimmten Einsatz der Fähigkeiten des Einzelnen in der gemeinsamen Arbeit mit anderen = selbstverwaltete Unternehmen im Produktionsbereich der arbeitsteiligen Wirtschaft,

2. die selbstbestimmte, gleichberechtigte Befriedung des Bedarfs aller an den Produkten = den wirklich freien Markt. (3)

 

Die Frage nach der Rechtsform auf der Grundlage des wesensgemäßen Kapitalbegriffs und des durch ihn bestimmten Wirtschaftskreislaufs führt aber ganz von selbst (= bei einer vorurteils- und ideologiefreien, d.h. phänomenologischen Betrachtungsweise) zur Frage nach dem Geld. Denn die Bedingung jeglicher Produktion und die Voraussetzung zur Bildung und Inbetriebnahme eines Unternehmens ist die Kreditierung - bzw. auf das Ganze des Produktionsbereichs bezogen, ein Kreditierungssystem. Ebenso Bedingung für die Befriedung des Bedarfs an Produkten ist das Einkommen der Menschen und die Preisregelung der Produkte (Güter), die auf dem Markt erscheinen. Kredit, Einkommen und Preise beziehen sich auf Geld - oder umgekehrt: Das Geldwesen ist die Regelung der Kredit-, Einkommens- und Preisfrage.

 

Die Kredit-, Einkommens- und Preisfrage, somit die Frage des Geldes, bezieht sich aber auf die Rechte und Pflichten der Menschen - und nicht auf deren Fähigkeiten, auch nicht auf die Arbeitserzeugnisse, also nicht auf das Kapital. Auf diesen Unterschied kommt es wesentlich an: Geld ist nicht Kapital! Geld ist der Rechtsregulator des Wirtschaftskreislaufes.

 

Führt die Betrachtung des erweiterten Kunstbegriffs zu einem elementaren Kapitalbegriff und die genaue Beschreibung des Kapitalbegriffs zu einem vollständigen Bild des Wirtschaftskreislaufs, so stößt man bei der Frage nach dem Rechtsregulator dieses Wirtschaftskreislaufs auf den Geldbegriff und damit auf einen zweiten Kreislauf, den Geldkreislauf. Erst aufgrund der präzisen Unterscheidung von Kapital und Geld ist das gesunde Zusammenspiel beider Kreislaufsysteme im Sozialen Organismus und eine organische Betrachtungsweise dieses Komplexes überhaupt möglich. (4)

 

Damit wird klar, daß das Geldwesen demokratisiert werden muß. Denn das Geld gehört in die Rechtssphäre und die Rechtssphäre muß gemäß dem Entwicklungsstand des modernen, d.h. zeitgemäßen Rechtsempfindens und -bewußtseins nach den Prinzipien der Demokratie (= Herrschaft des Volkes, der "Basis“, von unten nach oben /Gleichberechtigung für alle) ausgerichtet werden. Von Demokratie aber kann nicht die Rede sein, solange rechtliche Vereinbarungen der Menschen untereinander durch die Macht des Geldes unterlaufen werden können. (5)

 

Wer diese Gesichtspunkte zuendedenkt, kommt zu einem klaren Bild der Zusammenhänge und erkennt, wie die Krankheit der Gesellschaft in ihrem jetzigen Zustand von der Wurzel her therapeutisch behandelt werden kann und behandelt werden muß. Er sieht die Grundzüge einer organischen Ganzheitsfigur des ökologischen Gesellschaftskörpers entsprechend der Freiheitsfigur des menschlichen Wesens: die Soziale Skulptur. Dieses Bild ist in verschiedener Weise zu beschreiben, immer aber enthält es folgende Prinzipien:

 

1. Das Selbstverwaltungsprinzip im Unternehmensbereich und die freie Informationsebene.

Es folgt aus der Wesensbestimmung des Menschen als Künstler, als freies, schöpferisches Individuum, als sich Selbstbestimmender. Sämtliche Unternehmen im Produktionsbereich der Wirtschaft, zu denen auch die Unternehmen gehören, die die menschlichen Fähigkeiten entwickeln - Schulen, Hochschulen, Kindergärten, Krankenhäuser usw. -, sind auf die Basis der Selbstverwaltung zu stellen. Sie sind der Ort, wo die Kreativität aller in der gemeinsamen Arbeit zusammenkommt und die Erzeugnisse als Ergebnis der Fähigkeiten und Einsichten aller für alle entwickelt werden. Sie sind die Stätten des Kapitals, das identisch ist mit der Arbeit: freie Informations-, Schulungs- und Produktionszentren.

 

2. Das Geld als demokratischer Rechtsregulator der Kapitalflüsse.

Die Selbstverwaltung der Unternehmen ist nur auf der Grundlage einer neuen Kredit-, Einkommens- und Preisordnung möglich. Einkommen ist als Menschenrecht zu erkennen und als solches - wie das Geld vom Kapital - von der Arbeit zu unterscheiden. (6) Damit entfällt die Lohnabhängigkeit, ebenfalls die sinnwidrige Unterscheidung von "Arbeitgeber“ und "Arbeitnehmer“. Jedes Unternehmen, das sich verpflichtet, die Fähigkeiten der Menschen, die sich in ihm als freie Kooperative zusammengeschlossen haben, zum Einsatz gemeinsamer Arbeit zu führen, hat das Recht auf Kreditierung durch ein demokratisches Zentralbanksystem. Das Unternehmen verpflichtet sich zur Rückführung der Gelder an die Zentralbank und löst diese Verpflichtung durch die Einnahme des über den Markt zustandekommenden Geldrückflusses. Damit entfällt sowohl Gewinn wie überhaupt Eigentumsbildung im Produktionsbereich. Die Preisbildung der Produkte am Markt wird von der Zentralbank im Zusammenhang mit dem Einzelunternehmen nach sozialen und ökologischen Gesichtspunkten demokratisch vorgenommen. Überschußbetriebe und Unterschußbetriebe (als Folge der betriebsunabhängigen Preisbildung) werden hinsichtlich des rückfließenden Geldes, das keinen Bezug mehr hat zu einem Kapital- bzw. Wirtschaftswert, miteinander assoziiert. (7)

 

Wie der Geldkreislauf mit dem Blutkreislauf, so kann das demokratische Zentralbanksystem mit dem Herzen verglichen werden. Es ist das Herzorgan des Gesellschaftsorganismus. Es erzeugt in einem originären Rechtsakt das Geld aus dem Nichts und führt es - als arterielles Blut - als Kredit in die Unternehmen ein, löst also damit die Produktionsprozesse aus. Das Geld fließt dann in die Hände der Mitarbeiter als Einkommen, wird damit zum Rechtsdokument der Konsumenten zum Erwerb von Konsumgütern am Markt. An dieser Tauschstelle nun als Recht eingelöst wird es dort ungültig, wertlos und fließt - als venöses Blut - zurück ins Herzorgan, in die Zentralbank als dem Ausgangspunkt eines neuen Kreisflusses.

 

Die Zentralbank wird so als die demokratische Institution der Zukunft schlechthin verstanden, ein demokratisches, von unten nach oben sich dezentral entwickelndes, neues Volksparlamentsystem, wo insbesondere eine Einkommensrahmenordnung und ein soziales, ökologisches, gerechtes Preiskonzept entwickelt und beschlossen wird. Hier sollen alle Gesichtspunkte und Interessen gleichberechtigt zum Zuge kommen. Das Parlament wird kontrolliert und ergänzt durch das Instrument der Volksabstimmung nach vorheriger, freier Information. Eine "Regierung“ im traditionellen Sinne wird überflüssig, der Staat - nunmehr nicht länger Unternehmer, schon gar nicht Monopolunternehmer - wird reduziert auf die Verwaltung der vom Volk bestimmten Rechte.

 

3. Das im Wesen der Arbeitsteiligkeit begründete Weltwirtschaftssystem und sein bedarfsorientiertes, solidarisches, gemeinnütziges Prinzip.

Diese neue Geld-, Kapital- und Unternehmensordnung garantiert die Bedingung dafür, daß das Wesen der arbeitsteiligen Weltwirtschaft, nämlich die am Bedarf orientierte, ökologische, geistige und materielle Betreuung der Menschen, endlich voll zum Zuge kommen und sich entfalten kann. Arbeit wird erkannt als Arbeit auf Gegenseitigkeit (Arbeit ist Arbeit für andere!) - ein Prinzip, das durch die Ideologien des Kapitalismus, nämlich Lohnabhängigkeit, Profit, Eigentum an Produktionsmitteln und an Grund und Boden, verschleiert wird. Das arbeitsteilige Weltwirtschaftswesen, dessen Instrumentarien längst entwickelt sind, muß von dem Diktat überalterter Begriffe erlöst werden. Seine menschheitsdienende Funktion, die in ihm angelegt ist, kann es nur als im Bewußtsein der Menschen lebendes Geistwesen erfüllen. Liebe entsteht erst aus Freiheit, so auch der Frieden. (Die Errichtung einer neuen Weltwirtschaftsordnung ist eine Frage des Überlebens.)

 

Das Gestaltungsziel des erweiterten Kunstbegriffs ist also der gesellschaftsökologische Gesamtorganismus in seiner Freiheitsgestalt, das Gesamtkunstwerk "SOZIALE SKULPTUR“, an dessen Hervorbringung und Ausbildung jeder Mensch als Künstler mit seinen speziellen Fähigkeiten und seiner Kreativität beteiligt ist. Die grundsätzlich in jedem liegende Potenz und Energie zu erwecken, zu entwickeln und zu benutzen, ist die Bestimmung des Menschen. Folglich sieht die FREIE INTERNATIONALE UNIVERSITÄT in der Befreiung des Schul- und Ausbildungswesens aus der Umklammerung des Staates und privater Geldmacht die Voraussetzung für alles weitere.

 

 

Anmerkungen:

 

(1) Dieser Aufsatz ist erschienen in "Freie Internationale Universität - Organ des Erweiterten Kunstbegriffs für die Soziale Skulptur“, ISBN 3-928780-02-6

copyrights: 1992 FIU-Verlag, Wangen/Allgäu. Das Heft kann für 4,- € bestellt werden bei www.fiu-verlag.com, Fon: 07528/7734, Fax: 07528/6028, E-Mail: FIU-Verlag@t-online.de.

 

(2) Deutlich zeigt sich, daß in dieser Beschreibung des Kapitalbegriffs nicht das Geld erscheint - mit anderen Worten: daß Geld kein Wirtschaftswert ist (wie es gemeinhin und fälschlicherweise - als Ideologie des Kapitalismus - immer angenommen und geglaubt wird!).

 

(3) Beide Aspekte, organisch zusammengedacht, geben Aufschluß über die innere Beziehung der 2 Wirtschaftswerte zueinander: die Selbstbestimmung des Fähigkeiteneinsatzes ist die Voraussetzung für die Qualität der Arbeitserzeugnisse und damit überhaupt erst ein Wirtschaftswert; zugleich zeigt sich der Wirtschaftswert der Erzeugnisse erst am Bedarf! Daraus ergibt sich das Bild einer Unternehmensstruktur, die die Prinzipien der Selbstverwaltung und der Gemeinnützigkeit in sich vereinigt.

 

(4) Die fundamentale Bedeutung der Unterscheidung der Glieder des gesellschaftlichen Ganzen hat als erster Rudolf Steiner herausgearbeitet. Er spricht von der "Dreigliederung des Sozialen Organismus“ und differenziert den Gesellschaftskörper in das Geistesleben, dem er das Prinzip der Freiheit - das Rechtsleben, dem er das Prinzip der Gleichheit - und das Wirtschaftsleben, dem er das Prinzip der Brüderlichkeit zuordnet (= Selbstverwaltung - Demokratie - Gemeinnützigkeit).

Daß das Geld der Rechtssphäre zuzuordnen ist, ist eine Entdeckung von Wilhelm Schmundt, dem damit die Anbindung der Dreigliederungsidee an die moderne, arbeitsteilige Weltwirtschaft und eine zeitgemäße Unternehmensstruktur gelang.

 

(5) So im westlichen Privatkapitalismus - aber auch im früheren östlichen Staatskapitalismus, wo die Macht des Geldes mit der des Staates identisch war. Doch auch im Westen ist das Prinzip der Verstaatlichung, z.B. im Schul- und Hochschulwesen, bereits etabliert. Beide, Privat- wie Staatskapitalismus verhindern Selbstbestimmung und Selbstverwaltung und damit die Entfaltung des Kapitals im Sinne eines freien, demokratischen, sozialen Ganzen.

 

(6) Eugen Löbl hat nachgewiesen, daß jedes Produkt das komplexe Ergebnis des Zusammenspiels aller Kräfte in einem auf Arbeitsteiligkeit basierenden "Integralen System“ ist, daß also der "Arbeitsanteil“ des Einzelnen am Produkt schlechterdings nicht zu ermitteln ist und schon aus diesem Grund gar nicht Maßstab für ein gerechtes Einkommen sein kann.

 

(7) Das Geld als Kredit entspricht dem Wirtschaftswert "Fähigkeiten im Einsatz in der Arbeit“, als Einkommen der Konsumenten entspricht es dem Wirtschaftswert "Produktionserzeugnisse“. Der Markt markiert den Punkt der Kreisläufe, des Geldes sowie der Wirtschaftswerte, wo der Aufbauprozeß zum Abbauprozeß wird: So landen die Produkte dort, wo sie gebraucht werden, beim Konsumenten, und das Geld fließt ohne Wertbezug zurück; denn seine Bestimmung ist erfüllt. Beide Kreise müssen neu entstehen …